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Was Eltern tun können, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen

Interview vom 5. Juni 2020 mit Carolin Buchheim und Nils Vogelsang, Diplom-Pädagoge und Geschäftsführer der Fachberatungsstelle Wendepunkt e.V. in Freiburg (Badische Zeitung)

In Hartheim ist ein Kind entführt und sexuell missbraucht worden. Vorfälle wie dieser verunsichern Eltern – was können sie tun? Der Fachberater Nils Vogelsang sagt: "100 Prozent Schuld hat der Täter."

Was müssen Eltern grundsätzlich über sexuellen Missbrauch von Kindern wissen?
Nils Vogelsang: Die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch geschehen im Bekanntenkreis oder in der Familie. Übergriffe von Fremdtätern sind eher die Ausnahme. Wir gehen davon aus, dass in weniger als zehn Prozent der Fälle der Täter ein Fremder ist. In mehr als 90 Prozent ist es jemand, der das Kind gut kennt und mit dem es ein Vertrauensverhältnis gibt.
Ist die Sorge der Eltern also in den falschen Momenten besonders groß? Beim Gang alleine auf den Spielplatz – und nicht beim Besuch des Sportvereins?
Vogelsang: Die Aufmerksamkeit sollte sich nicht darauf erstrecken, welcher Fremde einem komisch vorkommt, oder dass das Kind in der Öffentlichkeit besonders stark beschützt werden muss. Grundsätzlich würde ich Eltern ohnehin davon abraten, mit großer Sorge oder Ängstlichkeit das Kind durchs Leben zu begleiten. Es ist gut, wenn man dem Kind Zuversicht, Mut und Selbstbewusstsein mitgibt, aber es auch vorbereitet auf Situationen, die schwierig sein können. Eine gute Botschaft, die man Kindern mitgeben kann ist: "Niemand darf Dich anfassen, wenn Du das nicht willst". Es sollte darum gehen, das Kind zu stärken.
Wie können Eltern das ihren Kindern vermitteln?
Vogelsang: Man kann das im Erziehungsalltag einüben. Wenn man mitkriegt, dass die Oma das Kind vielleicht küssen will, aber das Kind sträubt sich so ein bisschen – dann kann man eingreifen und sagen: "Es ist in Ordnung, dass Du das nicht willst". Und auch wenn das Kind die Grenzen anderer Kinder nicht respektiert – dann kann man als Elternteil sagen: "Ich habe Dir gesagt, niemand darf Dich anfassen, wenn Du das nicht willst – das gilt auch für andere Kinder und Du musst das respektieren." Wenn Kindern das lernen, kann das schon ein Puzzlestein in einer sehr guten Präventionsstrategie gegen sexuellen Missbrauch sein.

Nils Vogelsang rät Eltern zu diesen Sätzen an ihre Kinder:

"Niemand darf dich anfassen, wenn du es nicht willst. Du darfst nein sagen."

"Du hast keine Schuld, wenn jemand dich trotzdem anfasst."

"Nimm deine Gefühle ernst und höre auf sie."

"Du darfst dir Hilfe holen."

"Du darfst ein schlechtes Geheimnis weitersagen."

"Ich hab dich lieb und werde dir immer helfen - auch wenn du dich für etwas schämst oder glaubst, du hättest etwas falsch gemacht."

Wie gehen Täter vor?
Vogelsang: Missbrauchstäter machen sich zum Beispiel oft zu Nutze, dass Kinder von Eltern auch heute noch oft vermittelt bekommen, dass sie tun müssen, was Erwachsene ihnen sagen. Dazu kommt, dass Geheimnisse für Kinder etwas ganz großartiges sind. Wenn Kinder untereinander Geheimnisse haben, dann fühlt sich das ganz toll an und mächtig gegenüber den Eltern. Missbrauchstäter sagen etwa: "Pass mal auf, wir machen was zusammen und das ist unser Geheimnis." Der Gedanke fühlt sich für Kinder auch gut an, "Ich habe ein Geheimnis mit diesem Erwachsenen, den ich eigentlich mag". Dann macht der aber etwas, das gar nicht schön ist. Und dann soll das Kind trotzdem das Geheimnis für sich behalten. Deswegen ist es auch gut wenn Eltern vermitteln: "Ein gutes Geheimnis darfst Du für Dich behalten, ein schlechtes Geheimnis darfst Du weitersagen."
Haben Fremd-Täter besondere Strategien?
Vogelsang: Sie nutzen oft die Neugier von Kindern aus. Und sie hebeln gezielt die Strategien von Eltern aus, mit denen diese Kinder schützen wollen. Alle Eltern warnen Kinder vor dem Fremden mit den Süßigkeiten. Ein Täter weiß, dass er sich extrem geschickt verhalten muss, um diese Aussagen der Eltern vergessen zu machen – und manchmal gelingt das. Man muss sich immer wieder bewusst machen: 100 Prozent Schuld hat der Täter. Wenn ein Missbrauch passiert, liegt das nicht daran, weil Eltern etwas versäumt haben oder Kinder zu unvorsichtig waren oder die falsche Hose anhatten – sondern dass der Täter geschickt war. Eltern und Kinder tragen keinen Anteil an der Schuld.
Bei Debatten in den Sozialen Medien verschieben Menschen schnell die Schuld – und fragen etwa "Wo waren die Eltern?"
Vogelsang: Das Verschieben der Schuld ist eine Bewältigungsstrategie: Wer so etwas schreibt, will sich versichern, dass das etwa dem eigenen Kind nicht passieren kann. Dabei gibt es diese Garantie nicht. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen so denken – aber das öffentlich zu formulieren, wo Betroffene es lesen können, ist verletzend.
Woran können Eltern bei sich arbeiten?
Vogelsang: Ein Kind braucht die Sicherheit, dass es seinen Eltern etwas sagen darf, und dass die Eltern nicht vorschnell ungläubig reagieren. Es kann immer mal vorkommen, dass ein Kind in einem unpassenden Moment kommt und sagt: "Ich will aber heute nicht zum Onkel, der soll nicht auf mich aufpassen." Es ist Samstagabend – und dass der Onkel auf das Kind aufpasst, ist schon lange vereinbart, die Eltern wollen ins Theater. Dann braucht es viel Sensibilität, dass die Eltern nicht sagen: "Doch, Du gehst da aber hin." Sondern fragen: "Weshalb möchtest Du nicht hin?"
Sollten Eltern auch schon mit ganz kleinen Kindern über Missbrauch sprechen – auch, wenn diese noch nicht aufgeklärt sind?
Vogelsang: Ein Kind muss nicht wissen, wie Fortpflanzung funktioniert, um zu Verstehen, dass es das Recht an seinem Körper hat. Altersgerecht kann man auch schon sehr jungen Kindern vermitteln, dass es okay ist, wenn sie Berührungen nicht mögen. Das wissen schon sehr junge Kinder, das kann man stärken und fördern.

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